Distressed M&A Deal: Unternehmenskauf und -verkauf in der Krise

MAG. PHILIPP STOSSIER

Ihr Experte für Insolvenz- und

Immobilienrecht, Unternehmens-

und Wirtschaftsrecht.

Die Coronakrise hat die gesamte Weltwirtschaft in den letzten Monaten vor enorme Herausforderungen gestellt. Auch Österreich ist von scharfen Einschnitten und Einbußen betroffen. Kurzarbeit und Kündigungen führten zu geringerer Kauflust, dies wiederum zu Insolvenzen von Unternehmen und Geschäften. Krisen wie die gegenständliche eröffnen aber auch Investoren Tür und Tor.

Wann, wenn nicht jetzt?! Dies ist aktuell wohl das Motto zahlreicher Investoren, die Unternehmen, die in der Krise straucheln, übernehmen und wieder auf Kurs bringen wollen. Dies nennt sich in der Branche auch „Distressed M&A-Deal“. Bevor solch Transaktionen getroffen werden, braucht es umfassende Informationen, Analysen und Gespräche. Dabei gilt erfolgreich abzuwägen: rechtliche Risiken wie Finanzierungen und komplexe Gestaltung, eine aufwendige Due Diligence bei Krisenunternehmen versus Chance eines schnellen und preislich attraktiven Markteinstiegs, hohen Renditen und dem Weiterbestand eines Unternehmens.

Die Insolvenzwelle rollt – vor, mit und nach Corona

Autovermietung Hertz, Karstadt Kaufhof und Vapiano– das sind nur einige der großen Namen, die vor der Coronakrise bereits angeschlagen waren und nun in die Pleite gerutscht sind. Zahlreiche Unternehmen im In- und Ausland haben Fremdkapital aufgenommen, um sich zu regenerieren. Niedrige Zinsen verlockten manche zur Aufnahme von weiteren Fremdfinanzierungen. Der große Kaufrausch der Konsumenten blieb aber aus. Die Verbindlichkeiten gegenüber Bankinstituten werden bald nicht weiter gestundet werden und können mangels entsprechendem Umsatz in vielen Fällen auch nicht beglichen werden.

Insolvenzen von Unternehmen bringen beträchtliche Schäden mit sich. Vor allem für Eigentümer, Gläubiger und Arbeitnehmer. Durch die Erweiterung funktionsfähiger Geschäftsbereiche und anderen Sanierungsmaßnahmen können Unternehmen aber einen Turnaround schaffen. Viele Unternehmen haben die sich aus einer Übernahme ergebenden Chancen genutzt, wobei die rechtlichen Risiken abgeklärt werden müssen.

Step by step zum M&A Deal

Eine der Grundfragen: Soll das Unternehmen vor oder nach der Insolvenzeröffnung akquiriert werden?

Vorteile, ein Unternehmen VOR Insolvenzeröffnung zu kaufen:

  • Alteigentümer erhalten noch einen Teil des Unternehmenswerts zurück
  • Käufer vermeiden die Zäsur der Insolvenz
  • Geschäftsbeziehungen werden nicht beeinträchtigt
  • Übernommen werden in der Regel nicht die Unternehmensträger, sondern einzelne Vermögenswerte wie Kundenstock, Maschinen, Patente oder auch Betriebsräumlichkeiten
  • Alte und ausstehende Verbindlichkeiten bleiben in der krisengeplagten Verkäufergesellschaft

Nachteile, ein Unternehmen VOR Insolvenzeröffnung zu kaufen:

  • Zu beachten gilt es die doch Großteils zwingenden Bestimmungen zum Schutz von Altgläubigern
  • Offene Steuerzahlungen, Sozialabgaben oder Schadensersatzansprüche gegenüber Dritte
  • Bestimmung des Kaufpreises einer krisenbehafteten Unternehmung

Vertragliche Vorkehrungen sind daher unverzichtbar und ein professioneller Berater und Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Insolvenzrecht und M&A sollte zu Rate gezogen werden.

Wir ein Unternehmen NACH der Insolvenzeröffnung erworben, dann spricht man von einer „übertragenen Sanierung“.

Vorteile, ein Unternehmen NACH Insolvenzeröffnung zu kaufen:

  • Bestehende Dauerschuldverhältnisse können in Absprache mit dem Masseverwalter gekündigt werden
  • Nicht rentable Teilbetriebe können in Absprache mit dem Masseverwalter geschlossen werden
  • Keine Haftung für Altverbindlichkeiten
  • Keine Verpflichtung zur Übernahme von Arbeitnehmern (AVRAG)
  • Es ergibt sich eine Transaktionssicherheit, da insbesondere keine Insolvenzanfechtung zu befürchten ist
  •  Günstiger Kaufpreis als vor einer Insolvenzeröffnung

Nachteile, ein Unternehmen NACH Insolvenzeröffnung zu kaufen:

  • Insolvenzverwalter ist Verhandlungspartner
  • Veräußerungen des Unternehmens brauchen eine Zustimmung des Gläubigerausschusses und des Insolvenzgerichts

Fazit

Für einen „Distressed M&A Deal braucht es risikobereite Investoren und professionelle und gute Berater. In manchen Entscheidungsphasen, vor allem in der Akquisitionsphase geht es oftmals um Minuten. Mit einem erfolgreichen Turnaround belohnen die Strapazen jedoch eine hohe Rendite.

MAG. PHILIPP STOSSIER

Ihr Experte für Insolvenz- und

Immobilienrecht, Unternehmens-

und Wirtschaftsrecht.